Untersuchungen zeigen: Die meisten Menschen wollen umweltbewusst und nachhaltig leben. In der Praxis funktioniert das oft aber trotzdem nicht so leicht. Woran kann das liegen? Hier stelle ich euch zwei Effekte vor, die dabei eine Rolle spielen.

Veranschaulichung für Mental-Accounting

Was ist der Rebound-Effekt?

Jedes Produkt benötigt Energie, sowohl in der Herstellung als auch im Verbrauch. Wenn es durch technischen Fortschritt möglich ist, dieses Produkt mit weniger Energie herzustellen bzw. zu verwenden, könnte man eigentlich davon ausgehen, dass so eine Menge Energie eingespart werden kann. Praktisch ist das aber meist nicht so: Ein Auto mit einem geringen Verbrauch wird häufiger gefahren, eine Energiesparlampe länger genutzt – eben weil wir uns denken: „Die braucht ja nicht viel Strom …“. Unser Verhalten macht also die technisch erreichte Energieeinsparung wieder zunichte – zumindest zum Teil. Dieser Effekt wird Rebound-Effekt genannt.

Wie groß der Effekt tatsächlich ist, lässt sich nur schwer bestimmen, da er von vielen Faktoren abhängt. Das Umweltbundesamt geht beispielsweise davon aus, dass der Rebound-Effekt bei Beleuchtung bis zu 20 Prozent beträgt; das heißt, dass die tatsächlich Energieeinsparung um rund 1/5 geringer ist als prognostiziert.

Vom indirekten Rebound spricht man, wenn sich der Effekt nicht beim gleichen Produkt zeigt. Das ist der Fall, wenn das eingesparte Geld für eine andere klimaschädliche Nutzung verwendet wird. Etwa, wenn das spritsparende Auto dafür sorgt, dass die Familie sich nun einen Urlaub per Flugzeug „gönnen“ kann, oder wenn insgesamt mehr Elektrogeräte in der Wohnung auftauchen, weil die einzelnen weniger Strom benötigen. Viele kennen das vom Kühlschrank: Ein neues Modell wird angeschafft, das deutlich weniger Strom benötigt. Der alte Kühlschrank wird aber nicht entsorgt, sondern in den Keller gestellt; denn er funktioniert ja noch und darf nun die Getränke für die nächste Feier kühlen.

Im extremsten Fall macht der Rebound-Effekt tatsächlich alle erreichten Einsparungen zunichte und es wird schließlich sogar mehr Energie verbraucht als vorher. In diesem Fall spricht man von „Backfire„. Das ist zum Glück nicht der Regelfall; zeigt aber auf, dass Energieeffizienz allein keine Lösung für unsere Umweltprobleme sein kann.

Mental Accounting: Vom falschen Konto abgebucht?

Es gibt einen interessanten psychologischen Effekt, der unser Verhalten in diesem Punkt unterstreicht: Mental Accounting oder auf Deutsch: Mentale Buchführung. Das bedeutet, dass wir unsere Ausgaben in mentale Konten einteilen und daraufhin jeweils abwägen, ob wir etwas kaufen oder nicht kaufen wollen. Die Theorie geht auf den US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler zurück, der sie mit folgendem Beispiel erklärt:

Du möchtest ins Theater gehen, die Eintrittskarte kostet 10 Euro.

Szenario 1: Du stehst am Schalter und stellst fest, dass du die im Vorfeld gekaufte Eintrittskarte verloren hast. Kaufst du dir eine neue?

Szenario 2: Du stehst am Schalter und stellst fest, dass du auf dem Weg hierher 10 Euro verloren hast. Kaufst du dir trotzdem eine Eintrittskarte?

In beiden Fällen hast du 10 Euro verloren – mal in Form einer Eintrittskarte, mal in Form von Bargeld -, daher sollte deine Entscheidung eigentlich in beiden Fällen gleich ausfallen. Thaler hat jedoch festgestellt, dass das nicht stimmt. Im ersten Szenario (dem Neukauf der Karte) entscheidet sich jeder Zweite gegen den Theaterbesuch. „Gefühlt“ kostet die Eintrittskarte nun 20 Euro und das ist vielen einfach zu teuer. Im zweiten Szenario hat der verlorene Geldschein nichts mit dem Kauf der Theaterkarte zu tun, deshalb entscheiden sich fast 90 Prozent dazu, das Geld auszugeben.

Mental Accounting kann teuer werden

Das Denken in Kategorien ist sehr praktisch für uns und erleichert unseren Alltag: Wir wissen zum Beispiel sofort, dass wir für Dinge in der einen Kategorie nur wenig Geld ausgeben wollen, bei anderen Kategorien aber schon wieder mehr. Gutscheine beispielsweise geben wir deutlich eher für „Luxusartikel“ aus, die wir uns sonst für Bargeld nicht unbedingt kaufen würden. Auch im Urlaub sind wir gewillt, mehr Geld auszugeben, weil es auf unsere mentale „Urlaubskasse“ schlägt und nicht, wie zu Hause, auf „Lebensmittel“ oder „Deko“.

Die Beispiele zeigen schon: Dass wir nicht extra über diese Kategorien nachdenken müssen, bedeutet auch, dass wir häufig unlogisch handeln.

Das passt auch gut mit dem Rebound-Effekt zusammen: Wir haben mit den neuen LEDs ja offenbar eine Menge Geld gespart; auf diesem Konto ist also noch Geld übrig, das wir jetzt ausgeben können, wenn die Lampen länger brennen.

Und auch der Kühlschrank, der im Keller weiterhin viel Strom verbraucht, passt gut mit unserer mentalen Kontoführung zusammen: Gefühlt ist der damalige Anschaffungspreis umso besser eingesetzt, je länger das Gerät verwendet wird. Dabei ändert sich der ausgegebene Betrag nicht mehr, ganz gleich, ob wir das Gerät jetzt gleich entsorgen oder erst in fünf Jahren; tatsächlich ist es für unseren aktuellen Kontostand sogar negativ, zwei Kühlschränke statt einem zu verwenden, da sie ja Strom verbrauchen und damit laufende Kosten verursachen. Dieser Stromverbrauch läuft aber über ein anderes mentales Konto und wird daher häufig nicht richtig berücksichtigt.

Das Konzept der mentalen Buchführung lässt sich auch übertragen und zeigt einen der Gründe auf, weshalb Obst und Gemüse fast immer am Eingangsbereich des Supermarktes stehen: Wenn im Einkaufswagen schon einige gesunde Lebensmittel liegen, sind wir viel eher bereit, auch noch etwas Süßes hinzuzulegen. Unser Konto „Essen“ ist dann schon so stark in den positiven Bereich – den Bereich „Gesund“ – gerutscht, dass das bisschen Schokolade ihn nicht ins negative fallen lässt.
Das Problem dabei ist, das wir eher quantitativ statt qualitativ vorgehen: Wir sind mit dem Fahrrad zum Supermarkt gefahren? Dann ist es ja nicht so schlimm, das ein oder andere Obst aus Peru mitzunehmen. Wir kaufen immer das tolle Recyclingpapier? Dann können wir jetzt auch das plastikverpackte to-go-Essen mitnehmen. Oder eben auch: Wir haben ein spritsparendes Auto gekauft – dann können wir ja auch einmal mit dem Flugzeug nach Mallorca reisen.

Wir neigen also dazu, unsere Handlungen aufzurechnen, ohne zu berücksichtigen, dass die Folgen unterschiedlich stark ausfallen. Ein spritsparendes Auto ist eine tolle Sache – ein Flug nach Mallorca produziert aber unter Umständen deutlich mehr CO2 als wir damit eingspart haben.

Bewusst (grün) machen!

Im Automatik-Modus handeln wir also sehr oft nicht im Sinne der Umwelt. Aber: Wir können ja den Kopf einschalten. Das ist am Anfang etwas anstrengender, weil die normalen Automatismen nicht greifen und wir Handlungen Aufmerksamkeit schenken, die sonst eigentlich von alleine ablaufen. Die gute Nachricht ist: Diese Handlungen können wir neu einspeichern.
Wenn wir uns einmal bewusst machen (und durch diesen Beitrag ist das ja schon passiert!), wie unser Denken funktioniert, kann uns unser Kopf – oder der Supermarkt – nicht mehr so leicht austricksen. Wir können uns neue Handlungsmöglichkeiten zurechtlegen, die dann recht schnell ebenfalls Routine werden. Wichtig ist nur, dass wir verinnerlichen:

1. nachhaltige Handlungen lassen sich nicht aufwiegen. Es hat keinen Sinn, sich mit neuen Energiesparlampen und der Fahrradfahrt zum Supermarkt weniger nachhaltige Verhaltensweisen „freizukaufen“, die unter Umständen viel schädlicher sind als das Eingesparte.

2. Was bringt wirklich was? Niemand ist perfekt und kann oder muss „alles“ richtig machen. Aber wer auf Nachhaltigkeit achten will, sollte bei den größten Klimasünden schon genauer hinschauen. Dazu zählt z.B. Fleischkonsum, Fliegen und Kohlestrom. Es ist deutlich sinnvoller, hier auf seine CO2-Bilanz zu achten als in anderen Bereichen. Qualität statt Quantität!